Ausstellungstipp: Sony World Photography Awards 2015

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Das Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg hat immer wieder interessante Ausstellungen mit großen Namen aus der Fotografiewelt. So bestaunte ich schon vor einer Weile die beeindruckenden Fotos von Vivian Meyer und Jim Rakete – bei freiem Eintritt!

Derzeit gibt es auch wieder eine interessante Ausstellung: das Haus zeigt die Gewinnerfotos des renommierten internationalen Wettbewerbs Sony World Photography Awards. Mitmachen konnte jeder Fotobegeisterter, egal ob Profi, Amateur oder Student. Aus über 180.000 Einsendungen wurden nun die bewegendsten Werke ausgewählt und prämiert.

© Bernhard Lang, Germany, 2015 Sony World Photography Awards.

© Bernhard Lang, Germany, 2015 Sony World Photography Awards.

© Andrès Felipe Caicedo Sierra, Colombia, 2015 Sony World Photography Awards.

© Andrès Felipe Caicedo Sierra, Colombia, 2015 Sony World Photography Awards.

Die präsentierte Auswahl ist bunt gemischt und sehr abwechslungsreich: von Einblicken in das kolumbianische Alltagsleben über Aufnahmen aus politischen Krisengebieten bis hin zu gut beobachteten Straßenszenen in Schwarz-Weiß – in der Ausstellung wird ein breites Spektrum an Themen und Stilen gezeigt.

© Elliott Erwitt

© Elliott Erwitt

Sehr inspiriert haben mich persönlich die Aufnahmen des Magnum-Fotografen Elliott Erwitt, der mit dem Preis für “Herausragende Leistungen für die Fotografie” ausgezeichnet wurde. Seine Impressionen aus dem amerikanischen Alltag wurden mit einer sehr feinen Beobachtungsaufnahme aufgenommen – nicht selten lässt einen ein sorgsam bemerktes Detail schmunzeln. Teilweise spricht aus seinen Fotos aber auch eine tiefe Melancholie und Tragikomik.

Willy-Brandt-Haus
Stresemannstraße 28
10963 Berlin
Dienstag bis Sonntag 12-18 Uhr
Eintritt frei, Ausweis erforderlich.
Noch bis zum 20. September!
http://fkwbh.de/ausstellung/sony-world-photography-awards-2015

Literaturhäppchen (2)

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Annemarie Schwarzenbach - Eine Frau zu sehenIch liebe ja diese kleinen hellblauen Büchlein vom Verlag Kein & Aber. So war auch meine zufällige Begegnung mit Eine Frau zu sehen von Annemarie Schwarzenbach im Buchladen wieder eine Liebe auf den ersten Blick! Die Schweizer Autorin erzählt in dieser kurzen Erzählung mit einer beeindruckenden poetischen Sprache von einem schicksalshaften Ski-Urlaub, während dem sie ihre Zuneigung zu Frauen entdeckte. Homosexualität – ein Tabuthema in der Gesellschaft der späten 1920er Jahre! Dieser Text ist nicht nur sehr persönlich, auch wird beim Lesen der enorme Mut der Autorin deutlich, sich über die moralischen Urteile ihrer eigenen Zeit hinwegzusetzen und ihre intimen Gefühle auf solche Weise der Öffentlichkeit preiszugeben. Wie Schwarzenbach als damals gerade mal 21-jährige (!) die Anziehung zwischen zwei Menschen beschreibt: Hut ab! Die Erzählung besteht zwar nur aus etwa 50 kurzen Seiten, sprachlich ist sie aber derart treffend und kraftvoll ausgedrückt, dass man das Gefühl nicht loswird: dieses Buch muss man noch öfter lesen, um es in seiner Tiefe wirklich erfassen zu können.

Wilhelm Genazino - Eine Frau, eine Wohnung, ein RomanEine Frau, eine Wohnung, ein Roman – der Titel sagt eigentlich schon alles, worum es hier geht! Wilhelm Genazino erzählt von einem jungen Mann, der in den 1960er Jahren auf der Suche nach sich selbst ist. Er ist ein großer Literaturliebhaber, ein Träumer, die Schule hat er abgebrochen – doch was anfangen mit dem Leben? Über kleine Umwege gelangt er zum Schreiben, lernt die nicht sehr glamouröse Welt des Lokaljournalismus kennen, trifft auf Künstler und Pseudo-Intellektuelle, die alle vorgeben, gerade an einem Roman zu schreiben – und es wahrscheinlich nie fertig bringen werden. Auf leichtfüßige Art schildert der Roman den manchmal doch steinigen Weg zum Erwachsenwerden und die schwierige Suche nach persönlicher Erfüllung. Mit ironischem Blick fängt der Roman die Atmosphäre der 60er Jahre ein und teilt Seitenhiebe gegen die nur scheinbar glanzvolle Welt des Künstlertums und Journalismus aus. Nicht zuletzt ist der Roman eine Liebeserklärung an die Literatur und das Schreiben – und eine Erinnerung daran, dass man sich gerade als junger Mensch immer selbst treu bleiben sollte.

Ausstellungstipp: Radikal modern – Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre

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Josef Kaiser, Großhügelhaus, Bildmontage: Dieter Urbach, 1971, © Dieter Urbach/Berlinische Galerie

© Dieter Urbach/Berlinische Galerie

Die Architektur der 1960er Jahre prägt das Berliner Stadtbild wie kaum eine andere Stilrichtung. Selbst Wahrzeichen wie der Fernsehturm am Alexanderplatz sowie die neue Gedächtniskirche am Breitscheidtplatz, die heute jedem Berlin-Touristen bekannt sind, stammen aus dieser Zeit. Dies lag vor allem darin begründet, dass im Zweiten Weltkrieg große Teile der Berliner Innenstadt zerstört worden waren und die vielen Freiflächen eine neue Stadtplanung erforderten.

Die spannende Ausstellung Radikal modern in der Berlinischen Galerie widmet sich den außergewöhnlichen Bauten, die in den 60er Jahren in Ost- und Westberlin entstanden und beleuchtet das widersprüchliche Echo, das sie hervorriefen. Planungen wie der bis heute sehr umstrittene Bau der Stadtautobahn, der den Abriss ganzer Wohnviertel erforderte, werden dort ebenso erwähnt wie utopische Ideen junger Architekten, die nicht realisiert wurden.

Georg Kohlmaier, Barna von Sartory, Rollende Gehsteige am Kurfürstendamm, Repro Bildcollage, 1969, © Georg Kohlmaier/Elisabeth von Sartory/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

© Georg Kohlmaier/Elisabeth von Sartory/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

So etwa das Konzept der beiden Architekten Georg Kohlmaier und Elisabeth von Sartory: Röhren mit Rolltreppen für Fußgänger – und das mitten im Westberliner Zentrum! Auch so mancher anderer Entwurf mutet wie aus einem Science-Fiction-Film an und offenbart erfrischend unkonventionelle Architekturideen.

Insgesamt zeigt die Ausstellung rund 300 Werke von ungefähr 30 Architektinnen und Architekten, Planungsbüros, Fotografen und Künstlern. Ein Besuch lohnt sich auch im Filmraum, indem teilweise sehr kultige Filmausschnite über die damaligen Reaktionen auf bestimmte Projekte gezeigt werden. Eine sehr sehenswerte Ausstellung für alle Architekturfans!

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin
Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr; Dienstag geschlossen
Noch bis zum 26.10.2015

Literaturhäppchen (1)

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Hier im Blog ist es seit einiger Zeit stiller geworden. Das soll aber auf keinen Fall so bleiben. Doch Veränderungen im Leben bringen es mit sich, dass derzeit doch die Zeit & Energie zum Bloggen fehlt. Wie oft sitze ich in der S-Bahn und denke “Ach, darüber könnte ich noch bloggen.” Aber abends bin ich doch zu müde, um den Computer nochmal anzuschalten und meine Gedanken in die Tastatur meines Laptops zu tippen.
Meine Idee: kleine Häppchen zu servieren. Über Bücher, die ich gelesen habe – denn gelesen habe ich in letzter Zeit glücklicherweise einiges! (in besagter S-Bahn) Kurz und prägnant werden meine Texte in dieser Serie sein. Bei einem großen Büffet sind die kleinen Häppchen ja bekanntlich oft am leckersten – und wenn man genug davon isst, wird man auch satt. Oder so.
Wie auch immer, los geht’s mit diesen zwei schönen Büchern!

Miss Jemimas JournalEin echter Zufallsfund war – so der Herausgeber von Miss Jemimas Journal – der vorliegende unterhaltsame Reisebericht. Mit viel Humor und einem herrlich ironischen Tonfall berichtet die Autorin von einer abenteuerlichen Reise durch die Alpen. Die Reise, die im Hochsommer 1863 von 7 englischen Touristen unter Führung James Cooks unternommen wurde, war sicher beschwerlich – bedenkt man die mangelhafte Infrastruktur zur damaligen Zeit. Pauschaltourismus mit Luxushotels und gut ausgebauten Wanderwegen – damals noch undenkbar! Die Touristen reisten mit der Postkutsche, dem Maulesel, aber auch zu Fuß einmal quer durch die französischen Alpen bis in die Schweiz. Was ihnen unterwegs so alles passiert ist, mit welchen Strapazen sie zu kämpfen hatten – dies alles liest sich alles sehr angenehm. Besonders gefallen hat mir der nüchterne, teils aber auch sehr bissige Ton, mit der Miss Jemima ihre Mitreisenden, Reisebekanntschaften, aber auch Einheimische beschreibt. Sehr gut beobachtet & eine kurzweilige Lektüre. Achja, und gegen so eine kleine Reise in die schöne Schweiz hätte ich auch nichts einzuwenden.

Tommaso Landolfi - Die StummeIn leicht verwirrten Zustand lassen einen die 3 Erzählungen von Tommaso Landolfi zurück – aber das ist ja nicht unbedingt ein schlechter Zustand, zum Nachdenken angeregt zu werden. In der Titelerzählung Die Stumme rechtfertigt sich ein zum Tode Verurteilter für den Mord eines 15jährigen Mädchens. In einer anderen Erzählung denkt sich ein schüchterner Junggeselle ein perfides Gesellschaftsspiel aus, um einer von ihm begehrten Frau näher zu kommen. In der letzten Erzählung entspinnt sich zwischen einem desillusionierten Schriftsteller und einer jungen Frau eine eigenartige Beziehung mit Auswirkungen. Sprachlich sind die Erzählungen hervorragend, inhaltlich bleibt viel zwischen den Zeilen – der Leser selbst ist gefordert, endgültige Schlüsse zu ziehen, denn Landolfi präsentiert nur Möglichkeiten. Ein schöner literarischer Fund – der Autor ist hierzulande ja nahezu unbekannt. Selbst mein guter Freund Google wusste kaum etwas über ihn zu sagen – Banause!

Literatur in 300 Wörtern (28): Markus Werner – Am Hang

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Markus Werner - Am HangInhalt in 3 Sätzen: Ein Ferienort in der Schweiz: in einem Restaurant kommen zwei Männer ins Gespräch. Aus der reinen Zufallsbegegnung mit vorerst banalen Themen entwickelt sich bald eine leidenschaftliche und wortgewandte Diskussion, in der Fragen über das Leben, die Liebe und die eigene Vergangenheit erörtert werden. Trotz der sehr gegensätzlichen Einstellungen, die die beiden Fremden vertreten, wird schnell klar, dass sie doch mehr verbindet als sie zunächst ahnen…

Lieblingszitat: „Alles dreht sich. Und alles dreht sich um ihn. […] Schlafen wär schön jetzt, Loos abschütteln, Loos‘ Sätze, die wie Fusseln haften, aus dem Gehirn ausbürsten. Er selber hat zu mir gesagt: Vergessen Sie das Vergessen nicht, sonst werden Sie verrückt. – Er muss es wissen. Er sagte aber auch, freilich in einem anderen Zusammenhang, von allen Seuchen der Jetztzeit sei die Vergesslichkeit die schleichendste und also schlimmste.“

Markus Werners Roman packt einen von der ersten Seite an, was vor allem an der sehr gelungenen Gestaltung der beiden Hauptfiguren liegt. Was steckt hinter dem eigenartigen Loos, dessen Frau gestorben ist und der von nun an eine sehr düstere pessimistische Sicht auf das Leben hat? Was kann der lebenslustige und unbekümmert wirkende Erzähler ihm entgegensetzen? Es ist sehr spannend das intensive Gespräch zwischen den beiden Männern zu verfolgen, das immer intimer und persönlicher wird. Die großartig geschriebenen Dialoge und die gut herausgearbeiteten Charaktereigenschaften der beiden Figuren ziehen in den Bann. Welches Ende wird dieses Wortduell noch nehmen? Was steckt hinter dem undurchsichtigen Loos und welches Geheimnis versucht er vor dem Anderen zu verbergen?

Dieses Buch ist für Leser, die einen spannend geschriebenen, exzellent beobachteten und lebensklugen Roman lesen möchten. Thematisch kreist die Erzählung um Zwischenmenschliches, unterschiedliche Lebensentwürfe und regt dadurch nicht zuletzt den Leser zum Nachdenken an. Ich habe lange schon nicht mehr ein Buch so verschlungen wie dieses…mehr davon bitte!

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