Sonntagslektüre: Truman Capote

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Was gibt es Schöneres, als einen verregneten Sommertag zum Lesen zu nutzen? Meine derzeitige Lieblingslektüre: die rund 460 Seiten starke Truman-Capote-Biographie des amerikanischen Journalisten George Plimpton. Was sein Buch vor allem so interessant macht, ist seine besondere Herangehensweise, um einen der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts zu porträtieren. Statt einfach Quellen zu sammeln und diese chronologisch in einem flüssigen Text herunterzuschreiben, besteht die Biographie aus einzelnen Interview-Auszügen ganz unterschiedlicher Weggefährten, Freunde und Feinde Capotes. Dies ermöglicht ein viel umfangreicheres Bild dieser schillernden Persönlichkeit. Immer wieder ist da die Rede von seinen Eskapaden, seinem Hang zur Selbstinszenierung, gleichzeitig lassen enge Vertraute jedoch auch Capotes Verletzlichkeit durchscheinen. Am lustigsten wird die Biographie eigentlich immer dann, wenn bestimmte Ereignisse aus seinem Leben aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden. Wie das bei Klatsch und Tratsch ja immer so ist, kann man sich natürlich nie sicher sein, wie viel Wahrheit, wie viel Neid und Missgunst in den Aussagen der interviewten Künstler, Journalisten, Literaten und anderen Personen aus Capotes Leben steckt.

Ich bin noch mittendrin in der Lektüre und kann bisher nur sagen: eine sehr gut durchkomponierte Biographie, die aus vielen kleinen Puzzlestückchen ein faszierendes Porträt zeichnet. Selbst eingefleischte Capote-Kenner werden hier noch die eine oder andere neue amüsante Anekdote lesen. Ein tolles Buch zum Schmökern.

Bücher ausmisten

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buecher-ausmisten

Volles Regal? Auch ein Grund mal wieder auszumisten…

Das Bücherregal ausmisten – keine leichte Aufgabe für alle, die Bücher lieben. Aber wenn man mal ehrlich zu sich selbst ist: Wie viele Bücher hat man im Regal stehen, die man doch nur einmal gelesen hat und sehr wahrscheinlich nicht nochmal lesen wird oder bei denen man vielleicht sogar völlig vergessen hat, dass man sie besitzt?!

Bei mir liegt jedoch auch ein sehr pragmatischer Grund vor, sich von Dingen zu befreien und sich darüber klar zu werden, welche Bücher mir wirklich wichtig sind: Ich ziehe um! Gerade von meinen letzten Umzügen weiß ich – sosehr ich meine Bücher auch liebe und mir immer wieder gerne Neue kaufe: Die Bücherkisten sind bei Umzügen immer die schwersten und die, bei denen man sich, während man sich die Treppen hochquält, selbst verflucht und fragt: „Warum hab ich nochmal so viele Bücher? Wäre es vielleicht doch langsam mal an der Zeit, sich E-Books zuzulegen?“

Kann-Weg-Stapel

Kann-Weg-Stapel

Gestern bin mit meiner Bücher-Ausmist-Aktion bereits in die erste Runde gestartet. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich die meisten Bücher, die ich spontan auf den „Kann-Weg-Stapel“ gelegt habe, in folgende Kategorien sortieren kann:

    • Bücher, die ich vor Ewigkeiten gelesen habe und unterdessen nicht mehr meinen Geschmack treffen:
      Dazu gehören zum Beispiel Krimis. Vor ungefähr 11 Jahren hatte ich eine ziemlich intensive Krimi-Phase. Am liebsten waren mir die (im Übrigen ziemlich blutrünstigen) Bücher von schwedischen Autoren wie Henning Mankell oder Hakan Nesser. Die dicken Wälzer hatte ich oft innerhalb einer Woche durch – dies führte sogar dazu, dass ich mir einige Krimis gar nicht mehr gekauft, sondern in der Bücherei ausgeliehen habe. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass mich die Bibliothekarin oft kritisch musterte und einmal sogar fragte: „Bist du denn schon 16?“ Eine durchaus berechtigte Frage, denn bei Mankell & Co. werden Romanfiguren ja auch gerne mal aufgespießt oder ähnlich brutal um die Ecke gebracht😉 Heute reizen mich Krimis gar nicht mehr, ich würde sie nicht nochmal lesen wollen, warum also länger aufheben?
    • Bücher, mit denen ich einfach nichts anfangen konnte
      Gibt es leider – dass ich ein Buch gelesen habe, ich mich aber einfach nicht damit anfreunden konnte. Meistens lese ich ein Buch zwar trotzdem zu Ende – doch manchmal kann man einfach nichts dran ändern: entweder gefällt einem die Figur nicht, oder die Handlung kann mich nicht packen. Natürlich gibt es auch Bücher, für die vielleicht einfach noch nicht der richtige Moment gekommen ist. So merke ich mir zum Beispiel Marcel Proust für eine Lebensphase vor, in der ich vielleicht mehr mit seinen Romanen anfangen kann.
      Bei anderen Büchern merke ich aber auch schon jetzt: einmal gelesen, hat mich nicht gepackt, war vielleicht einfach nicht mein Ding.
    • Schlecht übersetzte Bücher
      Zugegeben, eine kleine Kategorie, der aber zum Beispiel meine deutsche Ausgabe von „Short Cuts“ angehört. Diese Ausgabe hatte ich mir eher mal zufällig gekauft, weil ich das Buch für den Englischunterricht (auf Englisch) brauchte und es mir aus Versehen auf Deutsch bestellt habe. Im Vergleich merkte ich dann, dass ja Welten zwischen dem englischen Originaltext und der Übersetzung liegen. Erschreckend: die Kurzgeschichten waren teilweise im Sinn völlig verfremdet worden, ebenso wie der typische amerikanische Slang einfach grausig ins Deutsche übertragen wurde. Sonst bin ich da ja oft nicht so kritisch – ich lese häufig ins Deutsche übersetzte Romane – aber in diesem Fall einfach nur eine Übersetzung zum Gruseln.

Was mir bei dieser ersten kleinen Aufräum-Aktion auch klar geworden ist: Wie viele Bücher ich eigentlich besitze, die ich mal auf irgendwann gekauft habe und immer noch nicht gelesen habe! Das rührt vielleicht auch daher, dass ich meist sobald ich ein aktuelles Buch ausgelesen habe, wieder in meinen Lieblingsbuchladen gehe, um mir neue Lektüre zu besorgen. Gleichzeitig bekomme ich zwischendurch mal ein Buch geschenkt oder ausgeliehen. Oder ich mache in einem Antiquariat einen tollen Fund. Fazit: Einfach zu viel Lektüre für zu wenig Freizeit.😉

Wie macht Ihr das mit dem Bücher-Ausmisten? Trennt Ihr Euch auch eher schweren Herzens von Euren Büchern? Was macht Ihr mit Büchern, die einfach nicht mehr Euren Geschmack treffen? Ich freue mich über Eure Statements und Anregungen:)

Theater: Houellebecqs „Unterwerfung“ im Deutschen Theater Berlin

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Unterwerfung im Deutschen Theater Berlin Rezension

Den Roman „Unterwerfung auf die Bühne bringen – sicher kein leichtes Unterfangen. Doch aus genau diesem Grund war ich auch sehr gespannt, wie Houellebecqs Untergangsvision vom Deutschen Theater adaptiert werden würde.

Stephan Kimmigs Inszenierung setzt auf ein recht schlichtes, steriles und nahezu unwirklich erscheinendes Bühnenbild: Ein großer weißer Krankenhausraum mit einigen wenigen Requisiten wie einem Klinikbett und einem modernen Drehstuhl. Protagonist Francois (Steven Scharf), im Buch wie auf der Bühne ein lustloser und vereinsamter Intellektueller, wirkt in diesem kargen Raum tatsächlich von Anfang an sehr verloren. Francois – so legt das Theaterstück nahe – steht stellvertretend für die Krise, in der Europa gerade steckt, zeigt die Verlorenheit von Intellektuellen, in einer Zeit, in der Statussymbole und der Kontostand das Wichtigste sind und die Religion keinen Halt mehr zu geben scheint.

Ausgehend von dieser „Krankenhaussituation“, in der die Hauptfigur immer wieder Besuch von den unterschiedlichsten politischen Anhängern bekommt – von den Identären, von der Rechtspopulistin Le Pen oder später vom neuen Präsidenten Ben Abbes – werden dem Zuschauer Stück für Stück Houellebecqs Thesen präsentiert. Die Handlung des Romans wird nicht immer 1:1 chronologisch auf der Bühne erzählt – für Romanleser ist das kein Problem, für alle anderen an der einen oder anderen Stelle aber bestimmt durchaus verwirrend. Die Theaterinszenierung ist mit Vorwissen sicher um einiges besser zu verstehen – denn die insgesamt 5 Schauspieler (mit Ausnahme der Hauptfigur) spielen immer gleich mehrere Rollen. So schlüpft beispielsweise Lorna Ishema innerhalb von wenigen Momenten in die Rolle einer Krankenschwester, wettert als Marine Le Pen gegen die EU oder mimt wenige Augenblicke später die verführerische Freundin von Francois – die junge Studentin Myriam. Dies gibt dem Stück insgesamt viel Dynamik und sorgt für Abwechslung in dem doch sehr handlungsarmen Stück.

Denn  – dies ist sicher die große Schwierigkeit bei der Adaption von „Unterwerfung“: Houellebecqs Roman ist ingesamt ein sehr theoretischer Roman, besteht aus Thesen und gibt den meisten Figuren lediglich den Raum, ihren Standpunkt zu erläutern. Ich erinnere mich noch selbst meine Lektüre von „Unterwerfung“ und an die sehr dialoglastige Struktur des Romans. Das Theater lebt als Medium hingegen mehr von der Aktion auf der Bühne. Im Großen und Ganzen ist es Regisseur Stephan Kimmig zwar ohne Zweifel gelungen, Houellebeqcs Thesen zu verdeutlichen – sie in einer Art Schnelldurchlauf auf die Bühne zu bringen. Gleichzeitig würde ich mich jedoch auch der Meinung vieler Rezensenten anschließen, dass Houellebecqs Stoff an diesem Abend ein wenig die Provokation und Brisanz genommen wurde. Oder entsteht dieser Eindruck, weil unterdessen schon so viel über „Unterwerfung“ diskutiert wurde?!
Die Inszenierung ließ mich zwar nicht kalt und lieferte mir durchaus genug Denkstoff für den Heimweg – um Houellebecqs Zukunftsvision und seine Thesen zum Zustand der modernen westlichen Gesellschaft jedoch gänzlich zu erfassen, führt dennoch kein Weg an der Lektüre seines Romans vorbei.

Unterwerfung (Regie: Stephan Kimmig)
nächste Termine:
7. , 16. und 29. Juni 2016

Literarische Reisevorbereitung – Irland

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Irland-Reisevorbereitung

Mein Reiseziel für diesen Sommer steht fest: Ich erfülle mir endlich einen langgehegten Traum und fahre nach Irland. Nicht nur, dass mein Herz ja sowieso schon länger für einen den berühmtesten irischen Literaten schlägt (Oscar Wilde!), auch wollte ich schon länger mal dieses faszinierende Land kennenlernen.
Literatur hat auf der „grünen Insel“ seit jeher eine wichtige Rolle gespielt – neben Oscar Wilde, kann sich Irland auch für Schriftsteller wie James Joyce, George Bernard Shaw, Samuel Beckett und Bram Stoker rühmen. Klare Sache, dass ich mich seit Wochen auch in Sachen Literatur auf meine Irland-Reise vorbereite. Hier ist schon mal meine sehr ambitionierte…

Leseliste für Irland

        1. James Joyce – Dubliners
        2. James Joyce – Ulysses (wenigstens mal reinlesen ;))
        3. Heinrich Böll – Irisches Tagebuch
        4. Samuel Beckett – Warten auf Godot (und andere Stücke)
        5. Oscar Wilde – The Importance of Being Earnest
        6. George Bernard Shaw – Pygmalion
          [to be continued…]
Dublin / © furkan zendeli / Flickr

Dublin / © furkan zendeli / Flickr

Literarische Orte in Dublin

Allein in Dublin wimmelt es nur so vor literarischen Orten: Die UNESCO hat die Hauptstadt Irlands sogar zur „City of Literature“ gekürt. Die meisten berühmten irischen Literaten sind in Dublin aufgewachsen oder haben hier am Trinity College studiert (z.B. Oscar Wilde), bevor sie dann früher oder später meistens doch in die große weite Welt zogen. Zu besichtigen gibt es daher das eine oder andere Geburtshaus – so zum Beispiel von George Bernard Shaw und Oscar Wilde.

James JoyceJames Joyce stellt seine Schriftstellerkollegen natürlich meist in den Schatten. An ihn erinnern gleich zwei Museen: das James Joyce Museum und das James Joyce Centre. Und am „Bloomsday“ (16. Juni), dem Tag an dem die Ereignisse von Joyce‘ Epos „Ulysses“ spielen, finden in der ganzen Stadt selbstverständlich unzählige Veranstaltungen statt. Diesen Tag werde ich zwar knapp verpassen, was aber vielleicht nicht ganz so schlimm ist, da ich mich in das literarische Gesamtwerk von James Joyce sowieso noch nicht so tief eingelesen habe. In meinem Studium kam ich mal kurz mit seinen Kurzgeschichtenband „Dubliners“ in Berührung. Außerdem hab ich seinen viel Ausdauer erfordernden Roman „A Portrait of the Artist as a Young Man“ gelesen. Ansonsten hab ich was Joyce angeht, ein wenig Nachholbedarf. Richtig warm geworden bin ich mit ihm noch nicht.

Dafür hat eine andere Veranstaltung bereits meine Neugier geweckt – in Dublin findet regelmäßig der sogenannte Dublin Literary Pub Crawl statt. Witzige Idee: Auf einer Tour durch die Kneipenszene der Stadt erklärt einem ein kundiger (und vermutlich trinkfester) Guide mehr über die berühmtesten Literaten und ihr feuchtfröhliches Leben in den Pubs. Klingt spannend. Ich bin ernsthaft am Überlegen, ob ich mich da mal anmelde😉

Ansonsten ist mir noch das Dublin Writers Museum ins Auge gesprungen. Ein ganzes Museum über Literatur – allein das zeigt find ich schon die große Bedeutung, die das geschriebene Wort auf der grünen Insel hat. Steht auf jeden Fall auch auf der Liste. Da ich auf meiner Reise jedoch nur ca. 2 volle Tage in Dublin bin, muss ich mal schauen, ob die Zeit dafür ausreicht.

Habt Ihr noch weitere Lesetipps für mich? Habt Ihr Euch schon mal auf die Spuren irischer Literaten begeben und könnt mir weitere Reise-Anregungen geben? Immer her damit!:)

Richard Ford – Kanada

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Richard Ford - KanadaDie kleine Provinzstadt Great Falls, 1960: Der 15-jährige Dell und seine Zwillingsschwester Berner führen ein recht geregeltes Leben, auch wenn sie durch die zahlreichen Umzüge ihrer Eltern große Schwierigkeiten haben, sich einzuleben und Freunde zu finden. Ihre Eltern haben zwar schon längst erkannt, dass sie nicht zusammenpassen, dennoch wagen nicht den Schritt, getrennt Wege zu gehen. Das Leben der Familie ändert sich von einem Tag auf den anderen, als sich der Vater in kriminelle Geschäfte verstrickt, seinen Partnern plötzlich eine hohe Geldsumme schuldet und gemeinsam mit seiner Frau einen bewaffneten Raubüberfall begeht…

Richard Fords Roman „Kanada“ erzählt von einem Verbrechen, das für jeden aus der Familie signifikante Folgen hat. Dells und Berners Eltern werden von der Polizei verhaftet, landen im Gefängnis – zurück bleiben die beiden Kinder, völlig auf sich allein gestellt. Die rebellische Berner reißt aus und macht sich auf Richtung Kalifornien. Dell hingegen wird von einer Freundin seiner Mutter nach Kanada gebracht, wo er bei dem wohlerzogenen, aber durchtriebenen Arthur Remlinger inmitten endloser Prärielandschaften und heruntergekommener Orte lebt und arbeitet. Der Roman teilt sich in drei Teile: im ersten erzählt Dell aus seiner Sicht, wie sich der sehr dilettantische Bankraub seiner Eltern zugetragen hat, im zweiten seine Erfahrungen in Kanada und zuletzt blickt er im dritten Teil als alter Mann auf sein Leben zurück und zieht Bilanz.

 Über die Jahre habe ich mir angewöhnt anzuerkennen, dass jede Situation, die mit Menschen zu tun hat, auf den Kopf gestellt werden kann. […] Jede Glaubenssäule, auf der die Welt ruht, kann jeden Moment explodieren oder auch nicht. Die meisten Dinge bleiben nicht sehr lange, wie sie waren. Dieses Wissen hat mich allerdings nicht zynisch gemacht. Zynismus hieße, das Gute ist nicht mehr möglich; und ich weiß mit Sicherheit, dass es das ist. Ich versuche einfach, nichts als gegeben zu nehmen und für die nächste Veränderung bereit zu sein, die garantiert bald kommt.

Gerade diese Reflexionen über schicksalshafte Erlebnisse, die jedes Leben grundlegend verändern, machen „Kanada“ zu einem sehr packenden und gut beobachteten Roman. Völlig auf sich allein gestellt, orientierungslos und plötzlich jeden Halt verloren, muss sich Dell in Kanada zurechtfinden und sich – ob er will oder nicht – mit seiner neuen Existenz abfinden. Er steht allem, was mit ihm passiert, völlig machtlos gegenüber, denn auch sein neuer Vormund, der charismatische Arthur Remlinger zeigt nach und nach die dunkle Seite seiner Persönlichkeit. Seine recht wohlbehütete Kindheit ist mit der Verhaftung seiner Eltern von einem Tag auf den anderen vorbei – und auch selbst nach seiner Flucht nach Kanada scheint alles nur noch schlimmer zu werden.

Entsorgt ins Dunkel von Partreau, war ich ein anderer geworden: nicht mehr der ausgeglichene Junge, der womöglich unterwegs aufs College war und hinter dem eine Familie stand, eine Schwester. In den Augen der Welt war ich jetzt kleiner geworden, unbedeutend, vielleicht unsichtbar. Was mir das Gefühl gab, näher am Tod als am Leben zu stehen. So sollte sich kein fünfzehnjähriger Junge fühlen. An diesem Ort hatte mich das Glück verlassen.

Trotz der recht langsamen Erzählweise bleibt der Roman vor allem durch die gelungenen Beschreibungen von Figuren und eindrücklichen Orten spannend. So lassen einen Dells detailreiche Schilderungen seiner bescheidenen Lebensverhältnisse nicht kalt – zumal diese die Auswegslosigkeit seiner Situation erst so richtig deutlich machen.

Partreau, Kanada

Partreau, Kanada

Ob verfallene Wellblechhütten, baufällige Schuppen, ekelerregende Aborte oder die endlose menschenleere Prärie Kanadas – die beschriebenen Orte stehen geradezu symbolisch für die ausweglose Situation, in der der Protagonist steckt. Wie kann sich ein 15-jähriger fernab der Zivilisation, umringt von zwielichtigen Gestalten, die ihm nichts Gutes wollen, jemals wieder aus seiner misslichen Lage befreien und aus seinem Leben doch noch etwas machen? Richard Fords Roman zeigt genau diesen langen Weg dahin, sich mit seinem Schicksal so gut es geht zu arrangieren und doch nie aufzugeben – auch wenn sich das Böse im eigenen Leben bereits unwiderruflich breit gemacht hat.

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