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mattia_pascalInhalt in 3 Sätzen: Eine unglückliche Ehe, hohe Schulden und obendrein auch noch eine langweilige Arbeit als Bibliothekar: Mattia Pascals bisheriges Leben in einer kleinen italienischen Provinzstadt lässt sich als alles andere als erfüllend beschreiben. Als er sich mit seinem letzten Geld nach Monte Carlo aufmacht, dort überraschenderweise beim Roulette sogar ein großes Vermögen erspielt, scheint sein Leben jedoch eine positive Wendung zu nehmen. Im Zug zurück in seinen Heimatort stößt er auf eine mehr als eigenartige Meldung in der Zeitung: seine eigene Todesanzeige, die ihm eine neue Existenz ermöglicht!

Lieblingszitat: „Ich zitterte am ganzen Körper. Endlich blieb der Zug wieder in einer Station stehen. Ich öffnete die Wagentür und stürzte hinaus, ich hatte die wirre Vorstellung, ich müsse irgend etwas tun, sofort: ein dringendes Telegramm abschicken, um die Nachricht zu dementieren. Der Sprung aus dem Wagen wurde meine Rettung: als wäre meine dumme, fixe Vorstellung plötzlich aus meinem Gehirn geschüttelt, erkannte ich blitzartig…das war meine Befreiung, meine Freiheit, mein neues Leben! Ich hatte zweiundachtzigtausend Lire bei mir und mußte sie niemandem mehr geben! Tot war ich, tot: ich hatte keine Schulden mehr, keine Frau mehr, keine Schwiegermutter mehr, niemanden! Ich war frei! Frei! Frei! Was wollte ich mehr?“

In der Tat fühlt sich Mattia Pascal, als er seine alte Identität ablegt und sich von nun an Adriano Meis nennt, wie neugeboren, unternimmt jahrelang Reisen durch Europa und entdeckt neue Möglichkeiten und Lebensentwürfe. Luigi Pirandellos frühes Werk ist stark autobiographisch gefärbt und spiegelt die tief verwurzelte Sehnsucht des Autors wider, aus der bürgerlichen Welt auszubrechen und die lange aufrechterhaltene Fassade der eigenen Identität abzustreifen. Der Roman zeigt eindrücklich, teilweise tragikomisch und ironisch die Problematik auf, nicht zu wissen, was die eigene Persönlichkeit ausmacht und wie sehr diese äußeren Einflüssen unterliegt. Die „Freiheit“ des Protagonisten entpuppt sich bald wie so vieles andere als bloße Fassade, die ihm auch nicht zum dauerhaften Glück verhelfen kann. „Mattia Pascal“ – ein Roman über die Verunsicherung des modernen Menschen, über Identität und die Unmöglichkeit außerhalb der gesellschaftlichen Normen zu leben.

Dieses Buch ist für Leser, die sowohl eine leichtfüßige als auch nachdenklich stimmende Erzählung lesen möchten. Pirandello beweist die Fähigkeit, zugleich eine mitreißende und unterhaltsame Geschichte zu erzählen, die ebenso großen Raum für eigene Reflexionen bietet. Thematisch scheint sich Max Frischs Werk „Stiller“, das genau 50 Jahre später erschien, stark an Pirandello anzulehnen: Die Suche nach dem eigenen Ich und die Möglichkeit der Literatur, (Lebens-)Geschichten nach Belieben wiederzugeben, steht hier ebenso stark im Vordergrund. Somit sei Pirandellos Roman auch unbedingt Frisch-Lesern sehr ans Herz gelegt.

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