Schlagwörter

, , , , , ,

Stephen Shore im C/O Berlin

Alles begann mit diesem Swimmingpool-Bild. Türkisblaues Wasser, eine Frau im Badeanzug schaut nachdenklich in die Ferne. Auf dem Weg zur Arbeit kam ich immer an diesem Ausstellungsplakat vom C/O Berlin vorbei und jedes Mal sprang es mir wieder ins Auge. Und auch brachte es ein bisschen Wärme in den dunklen und kalten Berliner Winter. Keine Frage, dieses Foto machte ich definitiv neugierig auf die Werke von Stephen Shore. Gestern raffte ich mich dann endlich zu einem Ausstellungsbesuch auf. Und da will jemand noch mal sagen, dass Plakatwerbung nichts bewirkt…

Diese große Retrospektive zeichnet chronologisch die künstlerische Entwicklung des Fotografen nach – von den Anfängen im künstlerischen Umfeld von Andy Warhols Factory über erste konzeptuelle Arbeiten bis hin zu seinen großen Fotoserien wie American Surfaces und Uncommon Places, mit denen er schließlich große Berühmtheit in der Kunstszene erlangte. Stephen Shore fand bereits früh sein Thema, dem er in nahezu allen darauffolgenden Serien treu bleiben würde. So reiste er quer durch Amerika und dokumentierte vor allem skurrile Alltagsgegenstände, gesichtslose Provinzstädte in der Einöde oder die Spuren der amerikanischen Konsumgesellschaft.

In American Surfaces orientiert er sich ästhetisch stark an der Amateurfotografie, was sich auch allein schon an der bewussten Entscheidung für die Farbfotografie ablesen lässt. Die Farben wirken oft wenig kraftvoll, teilweise sind die Motive wenig ansprechend dokumentiert, wenn er etwa sein Frühstück bestehend aus Spiegeleiern mit Blitzlicht ablichtet oder seinen fotografischen Blick in einen recht gammelig wirkenden Kühlschrank wirft. Stephen Shore spielt bewusst mit all diesen kleinen „Fehlern“, die ein Amateurfotograf vermutlich machen würde – und beweist definitiv sein Gespür für skurrile Alltagssituationen, mit seinen Fotos auf humorvolle Weise auf diese aufmerksam zu machen. Ich musste bei dieser Serie persönlich an meine eigenen ersten fotografischen Gehversuche in meiner Kindheit denken – an spontan geknipste Schnappschüsse mit einer Einmal-Kamera. In der Ausstellung werden Shores Bilder an einer großen Wand gezeigt – und ergeben hierbei definitiv ein amüsantes Sammelsurium von schrägen Amateuraufnahmen, die trotz ihrer Unvollkommenheit sehr treffend beobachtet sind. Sehr passend wird Stephen Shore häufig als „Chronist der Dinge“ bezeichnet.

American Surfaces - eine Auswahl / © Stephen Shore

American Surfaces – eine Auswahl / © Stephen Shore

In seiner Serie Uncommon Places führt Shore dieses Konzept fort, doch wechselte er zur Großbildkamera und konzentrierte sich thematisch stärker auf Motive wie Tankstellen, Motels, Hotelzimmer, Geschäfte und eher trist wirkende Kleinstädte irgendwo im Niemandsland. Bereits bei der Wahl des Titels Uncommon Places handelt es sich um ein kleines Wortspiel (commonplace – banal, gewöhnlich) – denn im Grunde zeigt er ganz banale und unspektakuläre Orte in den USA, denen er aber gerade dadurch, dass er sie zu bildwürdigen Sujets macht und in das Zentrum seiner Fotografie stellt, eben doch etwas Ungewöhnliches einhaucht. Die Art und Weise, wie er seine Fotos durchkomponiert, interessante Bildausschnitte wählt und trotz der Abwesenheit von Menschen doch immer eine Geschichte erzählt, führt definitiv zu Bildern, die in Erinnerung bleiben. Das bereits erwähnte Swimmingpool-Bild ist da wirklich ein gutes Beispiel 😉

Die Ausstellung umfasst insgesamt über 300 Fotografien des Künstlers und zeigt eindrücklich, wie sehr Stephen Shore unter anderem auch dazu beigetragen hat, der Farbfotografie das Billig-Image zu nehmen und sie zu einer anerkannten Kunstform zu machen. In Tradition von Walker Evans und Robert Frank stellt er die amerikanische Alltagswelt ganz in das Zentrum seiner Arbeit und beweist dabei, dass auch völlig unspektakuläre Sujets durch eine gut durchdachte Bildkomposition und eine feine Beobachtungsgabe die Neugier des Betrachters auf sich lenken können.

Stephen Shore, Church Street and Second Street (June 20, 1974), Easton, Pennsylvania, USA / © Stephen Shore

Stephen Shore, Church Street and Second Street, Easton, Pennsylvania, USA / © Stephen Shore

Stephen Shore, West Ninth Avenue, Amarillo, Texas, October 2, 1974 / © Stephen Shore

Stephen Shore, West Ninth Avenue, Amarillo, Texas / © Stephen Shore

C/O Berlin Foundation . Amerika Haus
Hardenbergstraße 22-24
10623 Berlin
Täglich 11-20 Uhr
Noch bis zum 22. Mai 2016

Werbeanzeigen