Kino: Paterson

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PatersonPaterson“ ist so ein Film, der so unspektakulär daherkommt, dass es fast banal klingen würde, den Inhalt zusammenzufassen. Und man würde dem Film unrecht tun, ihn nur auf seine doch eher handlungsarme Story zu reduzieren. „Paterson“ ist einer diesen kleinen, feinen Filme, die eher durch ihre vielen kleinen Details und Zwischentöne bestechen als durch dramatische Geschehnisse.

Worum geht es also in Jim Jarmuschs neuem Film? Ein junger Mann Anfang 30 lebt in der kleinen Provinzstadt Paterson, die witzigerweise nicht nur wie er selbst heißt, sondern die überhaupt tief mit seinem Leben verwoben zu sein scheint. Er arbeitet von morgens bis abends als Busfahrer, schreibt in der Mittagspause Gedichte für seine flippige Freundin Laura, die sich tagsüber auf unterschiedlichste Weise kreativ auslebt – malen, nähen, Gitarre spielen, Cupcakes backen. Der Film zeigt Patersons Alltag, vom allmorgendlichen Cornflakes-Frühstück bis zu seinem allabendlichen Feierabendbier, das er in der ein und derselben Kneipe trinkt. So viel zum Inhalt. Und das soll spannend sein?

Seltsamerweise ist es das. Auch wenn sich die Abläufe immer wieder wiederholen, macht es einfach Spaß, den sympathischen introvertierten Paterson durch seinen Tag zu folgen, die gleichen Gespräche von Passagieren im Bus zu belauschen wie er, die skurrilen Leute in seiner Stammkneipe zu beobachten oder mit ihm zu erleben, wie seine Freundin zum gefühlt zehnten Mal die Wohnungseinrichtung mit psychedelischen Mustern bemalt oder eigenwillige Gerichte auf den Esstisch zaubert. „Paterson“ strotzt nur so vor liebevollen Details – allen voran natürlich die immer missmutig dreinblickende Bulldogge Marvin, die Paterson eher aus Liebe zu seiner Freundin als Haustier duldet. Die Dichtkunst, Literatur, Musik und Bildende Kunst schwebt über allem, wird im Laufe des Films immer wieder von den unterschiedlichsten Figuren diskutiert oder einfach genossen. „Paterson“ ist ein leiser Film über einen stillen Menschen, konzentriert sich ganz auf die kleinen, ganz alltäglichen Dinge, die das Leben in Wahrheit ausmachen. Schöner poetischer Film zum Träumen.

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TV-Tipp: Truman Capote – Enfant terrible der amerikanischen Literatur

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http://www.arte.tv/guide/de/058385-000-A/truman-capote-enfant-terrible-der-amerikanischen-literatur

Ob seine herausragenden literarischen Werke wie „Frühstück bei Tiffany“ und „Kaltblütig“ oder seine legendären Parties und Auftritte in der New Yorker High Society: Kaum ein amerikanischer Schriftsteller sorgte im vergangenen Jahrhundert für mehr Furore als Truman Capote. Arte hat dem faszinierenden Genie am Mittwoch einen ganzen Abend gewidmet. Unter anderem lief auch eine schöne Doku, die sein Leben und literarisches Wirken anschaulich und sehr kurzweilig beleuchtete: Von seinen literarischen Anfängen als Jugendlicher in den Südstaaten über seine ersten größeren Erfolge bis hin zu seinem Absturz und Ausstoß aus der feinen Gesellschaft. In der Doku kommen zahlreiche Weggefährten zu Wort, aber auch Stimmen aus der gewärtigen Literatur- und Verlagsszene wie Daniel Kehlmann und der Kein-und-Aber-Verleger Peter Haag berichten von ihrer persönlichen und beruflichen Auseinandersetzung mit Capotes Werken.

Für mich als leidenschaftliche Capote-Leserin war die Doku wieder mal eine kleine Auffrischung. Ich habe längst noch nicht alles von ihm gelesen und habe durch die Doku auf jeden Fall schöne Leseanregungen bekommen. Allen, die sich einen Überblick über diesen schillernden Schriftsteller verschaffen wollen, lege ich die Doku sehr ans Herz. Sie liegt noch bis zum 16. Dezember in der Arte Mediathek. Und/Oder werft einen Blick in George Plimptons Biografie. Auch sehr lesenwert.

Viel Spaß beim Anschauen und Capote-Lesen!

Ab ins Kino! 4 Filmtipps, kurz und knackig

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Ich weiß nicht, wie’s bei Euch aussieht, aber ich habe die Kino-Saison schon längst wieder eingeläutet. Gerade wenn es draußen grau und dunkel ist, gibt es für mich fast nichts Schöneres, als ins Kino zu gehen und in ferne Filmwelten zu entfliehen. Außerdem ist es meist ja auch so, dass im Herbst und Winter einfach viel mehr Interessantes im Kino läuft.

Kino am Bundesplatz

Zudem hab ich nach meinem Umzug nach Berlin-Friedenau nicht nur gleich zwei Arthouse-Kinos direkt in meiner Nachbarschaft entdeckt, auch sonst wohne ich jetzt einfach viel zentraler und somit auch näher dran am Berliner Kulturleben. 🙂 Da ich es wohl zeitlich nicht schaffe, über meine zahlreichen Kino-Besuche alle nochmal einzeln zu bloggen, hier also kurz und knapp:

Meine 4 Filmtipps für den Kino-Herbst!

Tschick

  • Tschick

Worum geht’s? Zwei Außenseiter-Typen, 14 Jahre alt, aus Berlin fahren mit einem geklauten Lada durch Ostdeutschland und erleben dabei allerhand Abenteuer. Ein Roadmovie über das Erwachsenwerden (oder den Weg dorthin).
Mein Fazit: Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ als Film: Ich finde immer spannend, was ein Regisseur aus einer literarischen Vorlage macht – und in diesem Fall ist es ja sogar der berühmt-berüchtigte Fatih Akin (Gegen die Wand, Auf der anderen Seite), der sich diesem Stoff angenommen hat. Die Hauptfiguren sind wie im Buch herrlich überdreht und skurril. Klar, die Romanhandlung musste an vielen Stellen etwas gekürzt werden, aber insgesamt ist „Tschick“ einfach ein Film, der Spaß macht.

Frantz

  • Frantz

Worum geht’s? Deutschland, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Eine junge Frau trauert um ihren Verlobten Frantz, der im Krieg gefallen ist. Eines Tages taucht in ihrer Stadt ein Franzose auf, der sich als ehemaliger Freund von Frantz zu erkennen gibt. Doch er scheint auch ein Geheimnis zu haben…
Mein Fazit: François Ozons Film überzeugt nicht nur durch seine wunderschöne Schwarzweiß-Ästhetik, sondern fängt auch die düstere Nachkriegsatmosphäre auf anschauliche Weise ein. Lobenswert sind auch die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller, Paula Beer und Pierre Niney. Ein Film, der unter die Haut geht.

Im Namen meiner Tochter

  • Im Namen meiner Tochter

Worum geht’s? Im Sommer 1982 macht die 14-jährige Kalinka Urlaub am Bodensee bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater und stirbt dort auf unerklärliche Weise. Der Fall wird zunächst zu den Akten gelegt. Erst als Kalinkas leiblicher Vater auf einer erneuten Obduktion besteht, erhärtet sich nach und nach der Verdacht, dass Kalinka von ihrem Stiefvater missbraucht wurde.
Mein Fazit: Der Fall Kalinka beschäftigte die französische und deutsche Justiz rund 30 Jahre, bis Kalinkas Stiefvater schließlich verurteilt wurde. „Im Namen meiner Tochter“ zeichnet auf sensible Weise das Leben und Leiden aller am Prozess Beteiligten nach, zeigt die Schwächen eines Rechtssystems, das nicht immer für Gerechtigkeit sorgt. Vor allem der Kampf für eine gerechte Verurteilung, für die Kalinkas Vater André Bamberski sich unermüdlich einsetzt, steht im Vordergrund – großartig gespielt von Daniel Auteuil.

Toni Erdmann

  • Toni Erdmann

Worum geht’s? Ines (Sandra Hüller) arbeitet als Unternehmensberaterin in Rumänien, fernab von ihrer Familie in Deutschland. Spontan kommt ihr Vater zu Besuch und ist ihr mit seinen albernen Scherzen und Verkleidungen mehr ein Dorn im Auge. Immer wieder prallen sie mit ihren gegensätzlichen Lebensentwürfen aneinander…erst eine weitere Verwandlung ihres Vaters lässt sie wieder einander näher kommen.
Fazit:
Ich weiß, mit diesem Filmtipp bin ich reichlich spät. „Toni Erdmann“ ist ja spätestens seit der Cannes- und Auslandsoscar-Nominierung oft im Gespräch gewesen. Und das völlig zu Recht! Selten hat mich ein Film eine derartige Achterbahn der Gefühle erleben lassen. Teilweise unglaublich komisch (bitte Taschentücher einpacken, Lachtränen-Alarm), dann ist es aber auch wieder erschreckend realistisch und sehr berührend, wie diese doch leicht verkorkste Vater-Tocher-Beziehung erzählt wird (auch hierfür Taschentücher einpacken). Also, bitte bitte liebe Filmfreunde: Wenn Ihr noch irgendwie die Möglichkeit habt, den Film im Kino zu sehen, unbedingt reingehen!

Welche Filme wollt Ihr Euch noch unbedingt im Kino anschauen? Oder welche habt Ihr bereits gesehen, die Ihr mir empfehlen könnt? Freu mich über weitere Anregungen!

Ausstellungstipp: Am I Dandy? (Schwules Museum Berlin)

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Am I Dandy?Dandys – stets modisch angezogen und dabei auch noch waschechte Lebenskünstler. Doch gibt es diese besondere Kultur, die ihre Hochzeit vor allem im 19. Jahrhundert in England und Frankreich erlebte, auch noch heute? Die Ausstellung „Am I Dandy?“ im Schwulen Museum Berlin widmet sich in einer kleinen aber feinen Ausstellung diesem faszinierenden Phänomen, beleuchtet berühmte Vertreter der Dandy-Lebensart wie Oscar Wilde, Charles Baudelaire & Co. sowie wirft einen Blick auf heutige Erscheinungsformen des Dandytums, die sich heute noch vereinzelt in der Werbung, in Modemagazinen- und Blogs sowie in der zeitgenössischen Kunst und Fotografie finden lassen.

Schon der Aufbau der Ausstellung ist gelungen: Die Kuratoren strukturieren sie nach Orten, die jeder Dandy zur Selbstinszenierung nutzt: Auf der Straße präsentiert er sich der Gesellschaft, zeigt seinen eigenen Status – vor allem durch seine sorgfältig durchdachte Garderobe. Das Ankleidezimmer ist der private Ort eines Dandys: Hier werden Accessoires wie Manschettenknöpfe und Krawattennadeln zurechtgelegt und alles für den großen Auftritt vorbereitet. Im Club oder Salon trifft ein Dandy auf seinesgleichen – Gentlemen wie er, die sich dem Müßiggang und exklusiven Leben verschrieben haben. Im letzten Raum befindet sich schließlich noch ein Spiegel-Laufsteg – hier steht sogar ein Kleiderständer voller Dandy-Klamotten, die jeder Ausstellungsbesucher gerne mal anprobieren kann.

In jedem Ausstellungsraum gibt es allerhand spannende Exponate wie Plakate, Kosmetika, Kleidung, aber auch inspirierende Fotografien und Zitate berühmter Dandys zu entdecken. Darüber hinaus habe selbst ich (als eingefleischter Dandy-Fan) noch einiges erfahren, was ich noch nicht wusste.

Oder hättet Ihr gedacht, dass es sogar im Kongo Vertreter des Dandytums gibt? Hier hat sich die Subkultur der sog. „Sapeurs“ formiert. Diese Dandys tragen trotz geringer finanzieller Mittel auffällige elegante Kleidung – und triumphieren gerade durch diese offen zur Schau gestellte Eleganz über ihre eigentlichen Lebensumstände, die meist durch Armut und soziale Not geprägt sind.

Sapeure

Dandys - Schwules Museum Berlin

Gleichzeitig verweisen Texte aus berühmten „Dandy-Manifesten“ wie zum Beispiel jenes von Jules Amédée Barbey d’Aurevilly („Über das Dandytum“) auf die intellektuelle Komponente des dandyistischen Lebensstils. Mode und das äußere Erscheinungsbild sind wichtige Aspekte – aber ein richtiger Dandy ist auch ein Individualist, ein Querdenker, der im Hier und Jetzt lebt und sein ganzes Leben zur Kunst macht. Strenggenommen dürfte ein Dandy auch gar nicht erwerbstätig sein, denn die (Selbst)Inszenierung und das Führen eines unabhängigen und selbstbestimmten Lebens stehen klar im Vordergrund.

Fazit: Immer wieder toll, sich mit Dandys zu beschäftigen. Ich habe ja schon vor einigen Jahren meine Bachelorarbeit darüber geschrieben – und hab wieder mal gemerkt, warum diese Entscheidung einfach goldrichtig war. Wahnsinnig spannendes und sehr vielschichtiges Thema. Die Ausstellung hat eindeutig wieder mein Dandy-Fieber geweckt. Dandy, Dandy, where you gonna go now..?

Am I Dandy?
Schwules Museum
Lützowstraße 73
10785 Berlin
Noch bis zum 20.11.2016

Truman Capote – In Cold Blood

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In Cold BloodDas Unbegreifliche begreifbar machen. So oder so ähnlich könnte man Truman Capotes literarisches Verfahren in seinem Hauptwerk, dem Roman „In Cold Blood“ in etwa beschreiben. Nach seinem Weltbestseller „Breakfast at Tiffany’s“ erfährt er durch einen Zeitungsartikel von einem Mord an der 4-köpfigen Familie Clutter in Holcomb, Kansas. Capote ist fasziniert und macht sich gemeinsam mit seiner langjährigen Freundin, der Schriftstellerin Harper Lee, auf den Weg, um den Fall zu untersuchen und journalistisch zu verarbeiten. Das Projekt wird größer als erwartet. Insgesamt 6 Jahre widmet sich Capote schließlich seinem Tatsachenroman „In Cold Blood“, der in der literaturwissenschaftlichen Forschung in der Regel dem Genre des New Journalism zugeordnet wird. Dieses Genre verbindet die nüchterne Beschreibung von realen Personen und Geschehnissen, greift jedoch auch verstärkt auf literarische Stilmittel zurück – und hält sich nicht immer so eng an die Realität, wie dies bei einem Zeitungsartikel der Fall wäre. Fiktion und Wirklichkeit verbinden sich im Tatsachenroman auf kunstvolle Weise.

Richard Hickock und Perry SmithWer waren die Opfer? Wie lebten sie? Wer waren die Täter? Capote begibt sich in seinem Roman tief in den Kriminalfall und deckt jedes noch so kleine Detail ab. Natürlich steht die Frage nach dem „Warum“ wie so häufig bei grausamen Mordfällen am stärksten im Vordergrund. Was hat zwei Männer dazu bewegt, eine ihnen völlig unbekannte Familie umzubringen? Geldgier? Oder steckt mehr dahinter?
Capote macht sich die Beantwortung dieser zentralen Frage nicht leicht. Wie einfach wäre es doch die beiden Täter Perry Smith und Richard Hickock als habgierige Psychopathen abzustempeln, wie dies ja gerade von Boulevardmedien gerne vorschnell betrieben wird. Stattdessen nimmt er sich in seinem über 300-Seiten-starken Roman die Zeit, die persönlichen Hintergründe zu beleuchten, die einen Menschen zu brutalen Verbrechen wie der Ermordung einer wohlhabenden Farmerfamilie treiben können. Selbsthass und die Enttäuschung, im eigenen Leben nichts erreicht zu haben, so lautet etwa das Motiv, das einer der Täter, Perry Smith, bei zahlreichen intensiven Gesprächen mit Capote angibt: „Ich hatte nichts gegen sie, und sie haben mir nie ein Unrecht zugefügt – wie es andere Menschen mein Leben lang getan haben. Vielleicht waren sie einfach diejenigen, die dafür bezahlen mussten.“

Der Roman begleitet die Opfer, Täter, Zeugen, Ermittler und sonstigen in den Fall involvierten Personen bis zur Hinrichtung am 14. April 1965. Ein großer Verdienst von Capote ist sicher, dass er sich so intensiv mit dem Mordfall beschäftigt, Beteiligte zu Wort kommen lässt und letzten Endes selbst den Mördern eine Stimme gibt – und trotz der Schwere ihres Verbrechens – ihre Menschlichkeit aufzeigt. Ein Mensch wird nicht als Mörder geboren – die Gesellschaft, die persönlichen Umstände, seine Persönlichkeit und negativen Erfahrungen (und andere Faktoren) lassen ihn erst zum Mörder werden. Ist die Todesstrafe eine gerechte Strafe? Inwieweit sollte die psychische Verfassung eines Täters bei der Verurteilung berücksichtigt werden? Der Roman kommt ohne moralischen Zeigefinger aus, überlässt letztendlich dem Leser, die Bewertung der geschilderten Ereignisse. Ein starkes aufwühlendes Werk, das noch lange nachwirkt. Hut ab, Truman Capote!