Kunst und Kultur bis zum Abwinken – 10 Tage Paris!

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Aufregende Tage liegen hinter mir: Paris, Paris! Meine Exkursion mit lauter Kunsthistorikern, ein spannender, aber auch anstrengender Kulturmarathon, der einen durchaus auch an die eigenen Grenzen brachte. Müde Füße und das dauerhaft anhaltende Gefühl, nichts mehr aufnehmen zu können, waren da vorprogrammiert. Unser Programm war in der Tat auch sehr straff und vielseitig: Wir besichtigten insgesamt über 7 Museen (teilweise mehrere täglich), u.a. das Musée D’Orsay (Monet, Manet und Co.), das Centre Pompidou (moderne, teils etwas kryptische Kunst), den Louvre (schöne Werke, aber was für ein furchtbares Museum! Massenabfertigung, wildgewordene dauerfotografierende Touristen!), aber auch den Skulpturengarten von Rodin und das Wohnhaus von Monet, fernab des großstädtischen Trubels in Giverny. Der Eiffelturm, das Grab von Napoleon, die Kathedrale Notre Dame und nicht zuletzt das Pantheon waren ebenso Ziel wie das Hochhausviertel La Defense am Rande der Innenstadt und der Arc de Triomphe und die Champs-Élysées.

Paris als Stadt ist vor allem eines: teuer und in der Innenstadt eher schickimicki. An fast jeder Ecke hieß es seitens meines Professors, dass dies nun wirklich die Gegend für reiche Leute sei – und tatsächlich, abgesehen von Touristen wie unserer Reisegruppe sah man kaum “normale” Leute. Kann aber auch an der Jahreszeit liegen (August = Ferienzeit). Ästhetisch ist Paris als Stadt der Moderne, der Dichter, Denker und Künstler allemal – aber eben auch sehr uniform: fast die ganze Innenstadt wurde im 19. Jahrhundert komplett umgewälzt, sodass kaum noch ältere Häuser stehen und vor allem große Boulevards dominieren. Gefallen hat mir aber sehr das jüdische Viertel Marais, in dem es nicht nur eine grandiose Bäckerei gab, sondern das auch sonst einen sehr multikulturellen und vielseitigen Eindruck auf mich machte. Wie ich schon erwähnte, blieb leider doch wenig Zeit, um mal durchzuatmen und auf eigene Faust los zu ziehen. Aber immerhin schaffte ich es so noch abends mich auf die Île Saint-Louis zu verirren, stilecht Rotwein an der Seine zu trinken und das Berlin-Kreuzberg sehr ähnliche Viertel unweit der Opera Bastille zu durchschlendern – das ich leider erst in den letzten Stunden meines Aufenthalts entdeckte. Zurückkehren nach Paris möchte ich auf jeden Fall – nächstes Mal, das ist jetzt schon klar – wird das kulturelle Programm jedoch deutlich reduziert werden. Weniger ist mehr. Und eine Stadt lernt man wohl am besten beim Flanieren, nicht beim Umherhetzen kennen. Au revoir, Paris! Hier sind einige Fotoimpressionen, die ich zwischen Tür und Angel doch noch irgendwie mit abgespecktem Fotoequipment (Mini-Kamera, Handy) festhalten konnte. Viel Spaß beim Angucken!

Ausstellungstipp: Walker Evans. Ein Lebenswerk

Wenn man sich im Martin-Gropius-Bau in Berlin an der langen Schlange für die aktuell noch sehr beliebte David Bowie-Ausstellung vorbeigezwängt hat, erwartet einen neben allem Trubel um den Popstar auch eine kleine, aber feine Retrospektive des amerikanischen Fotografen Walker Evans. In insgesamt 3 Ausstellungsräumen werden seine Anfänge, seine Reisereportagen und nicht zuletzt die eindrucksvollen dokumentarischen Aufnahmen der amerikanischen Südstaaten zur Zeit der Großen Depression präsentiert, aber auch seine (heimlich) in der New Yorker U-Bahn aufgenommenen Porträts und andere Straßenfotografien finden Beachtung in der Ausstellung.

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Mit seinen authentischen Aufnahmen, die sogar eine neue fotografische Stilrichtung prägten (der dokumentarische Stil), genießt Evans bis heute großen Vorbildcharakter für andere Künstler. Er beweist eine gute Beobachtungsgabe für Stimmungen, Menschen und kleine Details und trotz der großen Nähe zum Fotojournalismus sah sich Evans selbst immer als Künstler. Politik und Kunst, so seine Meinung, sollten nie zu sehr miteinander vermischt werden. Die Fotografie sei ein autonomes, unabhängiges Medium, das nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden solle. So entstanden unzählige dokumentarische Fotos von einsamen Landstrichen, abgerissenen Farmerleuten und den für Amerika so typischen großen Werbetafeln irgendwo verlassen im Nichts – Bilder, die Walker Evans viel Erfolg und Anerkennung in der Öffentlichkeit einbrachten. 1938 wurden seine Fotos sogar im MoMA ausgestellt: ein wirkliche Seltenheit in der Geschichte, denn die Fotografie musste sehr lange für ihre Legitimation als Kunst kämpfen!

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Die Retrospektive reicht zurück bis in die 1960er Jahre, in denen sich Evans vor allem in New York aufhielt, aber auch immer wieder Reisen nach London oder zum Haus von Robert Frank in Nova Scotia unternahm. In den späten Jahren seines Schaffens konzentrierte er sich in seiner Straßenfotografie nicht nur auf Porträts von Passanten (Kamera heimlich im Mantel versteckt, Drahtauslöser im Ärmel), sondern auch auf die Welt des Konsums, der Werbung und Typographie. Auch wenn die Ausstellung mit 200 Originalabzügen sicher nur einen Ausschnitt Evans‘ Oeuvres zeigt, macht sie auf jeden Fall neugierig auf mehr. Ein schöner Geheimtipp im Martin-Gropius-Bau, sehr sehenswert. Also, immer schön an der langen Bowie-Schlange vorbei und ganz in Ruhe in die beeindruckende Foto-Welt Walker Evans‘ eintauchen.

Martin-Gropius-Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
25. Juli bis 9. November 2014

Truman Capote, auf Reisen

Truman Capote, auf Reisen

Truman Capote, Autor berühmter Werke wie „Frühstück bei Tiffany“ und „Kaltblütig“, war nicht nur Verfasser beeindruckender Romane, sondern schrieb immer wieder auch journalistische Artikel. Einiger seiner lebendigen Reisereportagen aus den 1950er Jahren sind in dem kleinen, aber feinen himmelblauen Büchlein des Kein & Aber-Verlags versammelt. Capote lässt in seinen anschaulichen und literarisch ausgeklügelten Schilderungen bei einem schnell das Gefühl entstehen, live dabei gewesen zu sein, ob auf seinen Streifzügen durch die dämmrigen Straßen New Yorks oder seinen Spaziergängen durch das abgeranzte New Orleans, das trotz seiner Armut und Einfachheit seinen ganz einzigartigen Charme entfaltet.

Oft sind es vor allem die Menschen, die kleinen Begegnungen, die ganz alltäglichen kleinen Begebenheiten, die Capote an einem Ort faszinieren und die er mit seiner ganz besonderen Beobachtungsgabe einzufangen weiß. Seine Reisen führen ihn auch nach Afrika und Europa: beispielsweise in die marokkanische Hafenstadt Tanger, wo nicht nur die exklusive Gesellschaft ihren Platz gefunden hat, sondern auch immer wieder die eine oder andere Künstlerpersönlichkeit gestrandet ist: „Ehe Sie herkommen, empfehlen sich drei Dinge: Lassen Sie sich gegen Typhus impfen, heben Sie Ihre gesamten Ersparnisse ab und sagen Sie ihren Freunden Lebewohl, denn es ist gut möglich, dass Sie sie nie wiedersehen,“ resümiert Capote lapidar und verweist damit auf den außergewöhnlichen Zauber einer Stadt, dem er ohne Frage wohl auch bei einer seiner vielen Reisen erlegen ist.

Capote im Süden, 1950

Capote im Süden, 1950

Weiter geht die Reise nach Spanien, wo Capote eine eigenartige und nahezu absurde Zugfahrt durch die flirrende Hitze Andalusiens erlebt. Auch in Sizilien und Ischia legt er an. Orte, an denen er nicht nur die faszinierende Natur Süditaliens kennenlernt, sondern auch die Menschen, die dort leben und arbeiten. Capote schildert sie mit seinem ganz speziellen gutmütigen Humor, mit viel Gespür für die Details und die Stimmung der erlebten Situation. Der Leser folgt ihm bis nach Venedig, wo diese spannende Lektüre und Reise leider zu ihrem Ende findet. Capote träumt bereits von den herrlichen Shrimps, die er dort zu sich nehmen wird: „Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen, denn was könnte schöner sein, als aus der Nacht in das warme Stimmengewirr von Harry’s Bar zu treten und diese köstlichen kleinen Krabbensandwiches mit ein, zwei oder mehr Martinis hinunterzuspülen.“ Sehr bedauerlich, dass uns Capote diese Episode vorenthält, aber man kann sich’s denken…auch in Venedig und vielen weiteren bereisten Destinationen geht das mondäne Schriftstellerleben weiter.

Kino: Finding Vivian Maier

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Finding Vivian Maier

Manchmal schreibt das Leben wirklich die besten Geschichten. Die Entdeckung der Fotografien der bis dahin unbekannten Vivian Maier ist eine solche, die es wirklich wert ist, erzählt zu werden. 2007 ersteigert der junge Hobby-Historiker John Maloof auf einer Auktion eine Kiste mit Negativen. Als er die Bilder genauer betrachtet, wird ihm klar: hier hat er einen wirklichen Fund gemacht!

“Finding Vivian Maier” begibt sich auf Spurensuche nach einer großen Fotografin, die nur doch einen Zufall entdeckt wurde und zeichnet ein faszinierendes Porträt einer Künstlerin, die zeit ihres Lebens ihre fotografische Leidenschaft geheim hielt.

Hier geht’s zur Rezension im Farbfilmblog!

Literatur in 300 Wörtern (18): Luigi Pirandello – Una giornata / Wie ein Tag

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Luigi Pirandello - Una giornata - Wie ein TagInhalt in 3 Sätzen: Ein Erzähler, der in Sommererinnerungen schwelgt, aber nicht mehr recht zwischen Traum und Realität unterscheiden kann; ein Mann, der eines Morgens an einem unbekannten Bahnhof in einer fremden Stadt aufwacht und sich an nichts erinnern kann; oder ein sizilianischer Bauernjunge, der aus einem Affekt heraus zum Mörder wird: In dieser zweisprachigen Ausgabe des berühmten sizilianischen Erzählers Luigi Pirandello sind einige seiner sprachgewaltigen und oft dem Mystischen nicht fernen Novellen versammelt.

Lieblingszitat: “In diesem Garten, an diesem Morgen glühten die jüngsten und schönsten Frauen vor Freude. […] Gerade im Frühling, Augenblicke der Verzückung, in der milden Wärme der ersten berauschenden Sonne, wenn in der feuchten Luft noch unbestimmte feine Düfte gären und der Glanz neuen Grüns, das die Wiesen überflutet, so reizend lebendig in den Bäumen ringsum glitzert; seltsame helle Klangfäden umgarnen einen; plötzliche Lichtexplosionen machen benommen; flüchtiges Aufblitzen, ein glückliches sich ausbreitendes Schwindelgefühl; die Süße des Lebens scheint nicht mehr wirklich, nicht mehr beachtenswert, wenn man sich dann im Schatten, nachdem diese Sonne erloschen ist, an das erinnert, was man getan und gesagt hat.”

Pirandello, Nobelpreisträger und Vorzeige-Literat Siziliens, beschäftigt sich in den vorliegenden Novellen vor allem mit dem Verhältnis von Schein und Sein, der Frage nach Wahrheit und Identität und webt dabei immer wieder surreale Elemente ein. Die oft stark an Dialoge angelehnte Sprache lässt seine langjährige Theatererfahrung erkennen. Zudem erinnert die Art und Weise, wie seine Erzählungen zunächst keine klare Schlussfolgerung zulassen und den Leser zu einer eigenen Interpretation anregen, stark an Autoren der Moderne wie Franz Kafka oder Arthur Schnitzler.

Dieses Buch ist für Leser, die sich für sizilianische Literatur, Traumwelten und natürlich auch für die ungemein musikalische italienische Sprache begeistern. Auch wenn die Italienisch-Kenntnisse noch nicht ausreichen sollten, um Pirandellos recht komplexe Literatur in der italienischen Fassung zu lesen, lohnt es sehr immer wieder einen Blick auf den Originaltext zu werfen und sich von den zahlreichen Wortspielen und Bildern beflügeln zu lassen. Eine gelungene Zusammenstellung, perfekt für den (Pirandello)-Einstieg geeignet.

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